Freitag, Dezember 9, 2022

Max Grundig Klinik: Kongress zur Kunst des Alterns

Bühl (ots) –

* Am 21. Oktober 2022 veranstaltete die Max Grundig Klinik einen Kongress mit hochkarätigen Experten aus Medizin, Theologie, Psychologie und Kunst zu Fragestellungen der mentalen Gesundheit im Alter.

„Alle wollen alt werden, aber keiner will es sein“, unter dieses Motto stellte Dr. Christian Graz, Chefarzt der Psychosomatik der renommierten Max Grundig Klink, die von ihm organisierte Veranstaltung „Die Kunst des Alterns“ – ein fachlicher Austausch zwischen Klinikern und Wissenschaftlern mit 100 Teilnehmern.

Die Studienlage zeige, so Dr. Christian Graz, dass die letzte Lebensphase keineswegs von geistigem Verfall und körperlichen Beeinträchtigungen geprägt sei. Gleichzeitig verbringen viele ältere Menschen die letzten Jahre häufig sozial zurückgezogen, sind deprimiert und unglücklich. Das Alter ist eine Herausforderung für Gesellschaft und Psychosomatik. Vor diesem Hintergrund beleuchteten ausgewählte Referenten aus unterschiedlichen Blickwinkeln die Realitäten des Altwerdens im 21. Jahrhundert.

Professor Dr. Meinolf Peters, einer der führenden deutschen Experten für Alterspsychologie, wies in seinem Beitrag auf das Geschenk der gewonnenen Jahre hin. „Alter“, so der Inhaber des Instituts für Alterspsychotherapie und Gerontologie, „verändert sich unübersehbar. Dieser Lebensabschnitt ist zeitlich immer ausgedehnter, zudem unterliegt die Art und Weise, wie ältere Menschen denken, fühlen und handeln einem Wandel.“ Lag die Lebenserwartung 1950 in Deutschland bei 65 Jahren (Männer) und 69 Jahren (Frauen), beläuft sie sich derzeit auf 79 bzw. 84 Jahre und wird bis 2060 nochmals einen Schub auf 84 bzw. 88 Jahre erhalten. Es gibt daher erhebliche Chancen, neben dem quantitativen Effekt auch qualitativ das ältere Leben neu zu begreifen.

Parallel hat sich das Altersbild der Gesellschaft geändert, seitdem die Kohorte der 68er ins Alter vorgerückt ist. Das Altersbild ist heute deutlich positiver als bei früheren Generationen. Mit dem Eintritt der Babyboomer in diesen Lebensabschnitt wird es einen weiteren Impuls geben.

Die Entwicklung, dass die Ansprüche ans Leben im Alter höher werden, führt auch dazu, dass ältere Menschen häufiger Psychotherapie in Anspruch nehmen. War die Zahl der Behandelten bis in den Anfang des 21. Jahrhundert auf 1 Prozent der über 60jährigen begrenzt, zeigten Zahlen von 2011 und 2012, dass der Anteil je nach Untersuchung auf 8 bzw. 9 Prozent angestiegen war. Heute nehmen 12,4 Prozent der über 60jährigen psychotherapeutische Angebote in Anspruch. Nach wie vor sind es die jüngeren Alten, oft im Übergang zur Rente, und Frauen, die sich behandeln lassen.

Im Zusammenhang individueller Altersbilder betonte Prof. Peters die Bedeutung eines positiven Eigenbildes für die Lebenserwartung. Diese Gruppe der Alten besitzt eine 7 Jahre längere Lebenserwartung bei weniger gesundheitlichen Problemen und funktionalen Einschränkungen.

Eine große Rolle für ein mental gesundes Altern besitzt insbesondere die sogenannte Mentalisierung, also die Wahrnehmung von Affekten des Gegenübers. Mentalisierungsdefizite sind typisch für Personen mit einem negativen Eigenbild. Ein zunehmender Selbstbezug führt zur sozialen Vereinsamung. Bildung schützt vor altersassoziierter Egozentrik und reduziert das Risiko für Einsamkeit und Depression.

Therapeutische Ansätze für ältere Menschen können helfen, die gewonnenen Jahre besser zu gestalten. Dazu gehören die Förderung von Mentalisierungsfähigkeiten, die Thematisierung von positiven Altersbildern, die Vermittlung von Wissen über Alterungsprozesse, insbesondere über Demenz, das Training von Theory of Mind(ToM)-Ansätzen sowie die Behandlung in Form von Theaterspielen.

„Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden“ Mit diesem Psalm 90,12 leitete Clarissa Graz, Pfarrerin und theologischer Vorstand des Evangelischen Vereins für Innere Mission in Frankfurt, ihr Referat zur „Ars Morendi als Lebensaufgabe“ ein. Theologisch gesehen sei, so die Referentin, das Sterben lediglich einer von vielen im Leben zu bewältigenden Übergängen – der große Abschied nach den vielen dann doch etwas Kleineren. Wenn wir zusätzlich noch annehmen dürfen, dass es nach dem „irdischen Leben“ noch ein ewiges Leben gibt, reiht sich das Sterben ein in alle Abschiede und Neuanfänge.

In der Seelsorge beobachten die Theologin seit 10 bis 15 Jahren, dass sich neben der ganz gewöhnlichen „Heidenangst“ vor dem Tod noch zwei weitere Probleme gesellen: Menschen vor allem der westlichen Zivilisation fällt es zunehmend schwer, sich ihrem Alter – also der Lebensphase, in der sie sich aktuell befinden – adäquat zu verhalten. Das erste Drittel des Lebens ist dann eher von der Illusion geprägt „Warte, das Eigentliche kommt noch“ – und im letzten Drittel des Lebens identifiziert man Lebensabschnitte unwiederbringlicher Qualität, die man aber in der „Mitte des Lebens“ gar nicht so grandios erlebt hat. Verstärkt wird dieses Problem durch die Tendenz, wichtige Teilziele des Lebens zum Ziel des Lebens überhaupt zu erklären. Dann werden etwa der Ruhestand oder der Auszug der Kinder zur existentiellen Bedrohung.

Im Vortrag ging Clarissa Graz gedanklich durch, wie Leben und Sterben gelingen können, wenn es Gott gäbe („etsi deus daretur“) und wir dann vor dem letzten Abschied keine Angst mehr haben müssen. Wichtig dabei ist, tragfähige Ziele unseres Lebens zu identifizieren. Diese sollten sich nicht am Beruf allein orientieren. Menschen müssten sich auf die Suche nach ihrem persönlichen Kern machen, ihre Identität finden. Antworten würden dann ein Leben im Alter erleichtern.

Der Vortrag von Clarissa Graz endete mit drei Fragen, denen sich Menschen im letzten Abschnitt ihres Lebens zu stellen haben: Bin ich von etwas erfüllt? Bin ich mit mir im Reinen? War mein Leben zu etwas gut? Wer diese drei Fragen mit „Ja“ beantworten kann, wird entspannt älter und irgendwann in Frieden sterben können. Dann müsse das Leben auch nicht um jeden Preis durch die moderne Medizin verlängert werden.

Grundsätzlich, so Clarissa Graz, sei Sterben ein lebenslanger Lernprozess.

Im dritten Vortrag der Veranstaltung zur „Kunst des Alterns“ der Max Grundig Klinik gab die Diplom-Psychologin Barbara Rabaioli-Fischer einen Überblick über Lebensrückblickverfahren in der Psychotherapie mit Älteren. „Auf das Leben zurückblicken“, so der Titel des Referats der Dozentin und Fachbuchautorin, spiele in der Psychotherapie älterer Menschen eine große Rolle. Die Wirkung von Lebensrückblicken wirke positiv auf das Selbstwertgefühl und sei eine Methode zur Behandlung von Depressionen.

Barbara Rabaioli-Fischer stellte im Hauptteil ihres Beitrages 10 Methoden von unterschiedlich konzipierten Lebensrückblickverfahren vor und erläuterte deren konkrete Durchführung jeweils an einem Beispiel. Zu den gebräuchlichen Verfahren gehören: Foto-Biographien, Lebensrückblick-Intervention mit Hilfe wesentlicher Elemente, Lebensrückblick nach Pot & Ash, Konvoi-Modell, Lebensrückblick mit Sinneseindrücken und Erinnerungen, Freudenbiographie, Lebensrückblick mit Lebenslaufkurve, Lebensrückblick anhand eines Seils, Würdetherapie nach Chochinov und Lebensrückblick-Interviews.

Die Referentin unterstrich, dass Lebensrückblicke ein Grundbedürfnis von Menschen sei. Therapeuten könnten helfen, diese mit den skizzierten Verfahren zu systematisieren, wobei es die Kunst sei, für einzelne Patienten das richtige Verfahren zu wählen. Lebensrückblicke seien insbesondere in der letzten Lebensphase für viele Menschen eine große Hilfe.

Im abschließenden Beitrag nahm der in Baden-Baden lebende deutsch-schweizerische Künstler Johannes Hüppi die Teilnehmer auf eine Reise durch die Welt der Malerei mit. Die Malerei, so der Kunstprofessor, stelle die Themen Leben, Tod, Vergänglichkeit und Unendlichkeit traditionell in den Mittelpunkt des Schaffens und damit auch den Prozess des Älterwerdens. Als Lebensbeobachter bildet der Mensch seit 40.000 Jahren Werden und Vergehen ab. Bilder des Todes und des Schmerzes gehören dabei seit den Ursprüngen zu den Hauptmotiven der Malerei. Anhand eines weiten Bogens von Bildern zeigte Johannes Hüppi in seinem lebendigen und lehrreichen Beitrag wie unterschiedliche Künstler in verschiedenen Epochen sich dem Thema Alter und Tod annäherten.

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Quelle: ots

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